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  • Julian

Schlingel Schnipsel #2 Über die Täuschungen der Nostalgie

Die Schlingel-Kolumne! Darüber, wie es sich in so einer seltsamen Zwischengeneration lebt, über den ganz normalen Wahnsinn, über ein missglücktes Netflix-Projekt und natürlich wieder über steile Musik.


Beim Äpfel pflücken


Am Feiertag(mir fällt der Einlass bestimmt gleich wieder ein) fuhr ich beseelt durch eine schöne Herbstlandschaft. Ich blickte mich um, sah bunte Bäume, rotbäckige Äpfel und eine Schönheit, die nur Wochen davor steht in braungrauer Eintönigkeit zu verwelken. Irgendwie symptomatisch, dachte ich mir. Manchmal blicke ich auf die Zeit zurück, bevor der ganze Schlamassel angefangen hat und mir will partout keine einfallen. Denn mal ehrlich: Wann war es denn das letzte Mal so richtig gut? Also so gut, dass man sich dachte: herrliche Zeiten. Ich behaupte: Das waren immer nur Momente(außer den 90ern, die waren geil, wir Postboomer *hach*) und kurze Phasen des Glücks und das Drumherum hatte mit dem Wohlbefinden nicht immer zu tun. Es waren einfach oft einzelne Ereignisse oder Begegnungen, die alles andere überstrahlt haben. Jetzt ist es aber so, dass sich die Krisenhaftigkeit der Zeit in so kurzen Abständen und in so einer Heftigkeit zeigt, dass sie sich bei sehr vielen aufs Gemüt schlägt und auch de facto bedrohlich ist.


Der Welt beim zerfallen zusehen!?


Neulich las ich auf dem nicht unbedingt zu empfehlenden IG Kanal von funk, dem Jugendformat von ARD/ZDF eine Auflistung von politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Krisen, zusammen mit der simplen Feststellung: "Ist schon alles ganz schön heftig oder? Fühlst du dich schlecht oder depressiv? Hier ein paar Anlaufpunkte." Und es ist auch wahr: Die Ballung der Krisen ist irre. Man kommt ja kaum hinterher mit dem Durchdenken und informieren und am Ende ändert sich dadurch: Nichts!?

Aber ist das wirklich so? Ändert sich tatsächlich nichts dadurch, dass ich mich in der Welt reflektiere!? Ich würde sagen: Ja und nein. Ja, weil es objektiv den Lauf der Dinge null beeinflusst, was ich zu Dingen sage oder nicht sage, wie ich mich dazu verhalte egal ob Konsumentscheidungen, Boykotte oder Anzünden der nächsten Bank. Nein, weil es immer noch die eigene Realität gibt, die eben am Ende, wie vieles andere konstruiert ist. Kurz gesagt: Es ist immer was und wer den ständigen Mangel an Verbindung, an Ruhe, an Frieden, an Reichtum ständig beklagt, der ist schon in der Spirale. Auch das ist wieder Quatsch, weil: Die Klagen sind nicht immer Luxusprobleme. Es trifft die eine hart, wenn die Lebensmittelpreise steigen, den anderen kaum. Dem einen ist es egal, was in der Ostukraine passiert, die andere steht gefühlt direkt im Schützengraben. Dem einen ist es wurscht paar Tage niemanden zu sehen, die andere dreht nach einem Tag Isolation durch. Zugegeben: Immer mehr Leute sind oder fühlen sich betroffen von den aktuellen Ereignissen. Was also tun? Keep calm and carry on? Oder uns auf die Barrikaden stellen!? Vielleicht beides!? Vielleicht als erstes für all die chaotischen Gedanken und Gefühle Platz machen, die am Ende nur die chaotische Realität widerspiegeln. Denn das muss uns auch immer klar sein: Es ist in diesem Wahnsinn völlig normal und nachvollziehbar hin und wieder am Rad zu drehen. Ich denke, es ist dann wichtig für Entlastung zu sorgen, am besten untoxische. Also weder Untergangspropheten noch Schönschreiben hinterher zu rennen. Und halt Raum für das Ende des präapokalytischem Dauerstreams zu schaffen. Musik, Natur, kochen, andere Leute, andere Orte. Einfache Dinge halt. Und dann trotzdem ab und zu auf Demos gehen oder auf Facebook und die Abschaffung von Bullshit oder die Einführung von tollen Dingen fordern. Halt ein Ventil nutzen, wenns schon mal da ist. Auch wenns am Ende vor allem dafür ist sich selbst ein wenig weniger ausgeliefert zu fühlen. Und das ist ja auch schon mal was.


Bei der Weltoberung an der Welt zerschellt


"Blonde" auf Netflix widmet sich dem Drama und den Abgründen im Leben von Marilyn Monroe. Und überdreht laut Kritikerinnen und Kritikern den Wahnsinn des Lebens der Ikone massiv. Hannah Pilarczyk von Spiegel Online meint sogar, dass den Film nur extreme Rechte mit Erkenntnisgewinn schauen könnten. Ich sehe es etwas anders. Zwar stimmt die Kritik, dass Marilyn Monroe vor allem als verletzte, traumatisierte Frau gezeigt wird, die in ihrer Kindheit ungewollt ist und missbraucht wird, und in ihrem jungen Erwachsenenalter manipuliert und vergewaltigt wird, aber aus meiner Sicht zeigt der Film diese ungeschminkte Realität nicht mit verachtendem Blick auf ihre Protagonistin. Es ist zum Teil so drastisch, dass es einen schüttelt, aber die Eiseskälte und Brutalität der Täter und der realen Verhältnis im Showbiz ist so frappierend, dass für mich klar ist, wer die Bösen sind. Es ist schlichtweg ein ungeschöntes Sittenbild des Hollywood der 40er und 50er Jahre und der persönlichen Familiengeschichte. Die zuweilen albtraumhaften Szenen, die stilistisch eher einem kunstvollen Episodenfilm entlehnt sind als einer stringenten Handlung, sind verstörend, brutal und schockierend, aber eben in Teilen auch sinnlich und berührend. Die ikonischen Bilder der Monroe, umwerfend gespielt von Ana de Armas, nehmen in ihrer Perfektion einen fast surrealen, unwirklichen Charakter an. Pilarczyk spricht in ihrer Kritik davon, dass Monroe in dieser Kulissenhaftigkeit, wie ein blondes Dummerchen dargestellt wird und andere Tatsachen, wie die progressiven Ansichten und Taten von Monroe unterschlagen wurden. Das stimmt. Es ist eine filmische Entscheidung, die Abfucks und Abgründe dieses kurzen Lebens zu zeigen. Es ist daher folgerichtig, dass der Film im Zeitalter der monumentalen Serien Schiffbruch erleiden muss. "Blonde" ist demnach ein zum Scheitern verurteiltes Projekt, das aber filmisch unfassbare Intensität und Nähe erstellt, auch wenn diese weit über die Schmerzgrenze hinaus geht. Pilarczyk schreibt davon, dass der Film Mitleidlosigkeit vermittelt. Und spätestens hier muss ich widersprechen: Die Eiseskälte ihres Umfelds und der Zeit, an der Monroe zumindest lange Zeit zerschellte, lässt ihr Licht umso sichtbarer leuchten. Allerdings ist die ganze Machart schon hart an der Grenze und darüber hinaus.

Ich habe die Replik auch direkt an Hannah Pilarczyk geschickt und die SPON-Film- und Gesellschaftsjournalistin hat mir sogar sehr nett geantwortet. Kurz und gut: Man kann es auch anders sehen, es gibt aber ernstgemeinte und legitime Kritik an der Darstellung des Films, der sich stark an einem Buch über Monroe orientiert.


Bei Engeln und Königinnnen


Leute, ich weiß, ich schmeisse hier in meinem Musikenthusiasmus manchmal mit Superlativen um mich, aber dieses Mal, ist es besonders angebracht. Gabriels haben eine neue Platte rausgebracht. genaugenommen nur ein halbes Album mit sieben Stücken. Im März 2023 kommt der zweite Teil. "Angels&Queens Part I" ist ein ganz heißer Anwärter auf die Platte des Jahres. Ausführliche Rezension gibt es hier!


Bei Punk, nähe Funk


Zwischen Punk und Funk liegt nur ein Buchstabe und doch sind es Welten. Zumindest, wenn man von der blanken Theorie ausgeht. In Wahrheit geht natürlich auch beides zusammen ziemlich gut und den Beweis hierfür haben No Zu angetreten mit ihrer ersten Auskopplung "Liquid Love" von der im November erscheinenden EP. Es ist ein tanzbares Biest von Song und hat einen ganz eigenen rotzig-coolen Vibe. Auszuckende Bassline, funky Licks, laszive Vocals, plockernde Synthies. Erinnert ein bisschen an Radio 4 in einer cooleren, rotzigeren, noch eigenwilligeren Version. Ich freu mich auf die EP.


Es isch over. Zumindest für diese Woche!

Demnächst gehts hier weiter.

Bis dahin: Schön stabil bleiben!

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