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  • Julian

Podcast - Alltag und Verbrechen. Neukölln im Nationalsozialismus

Die Geschichte des Nationalsozialismus ist ziemlich ausgeleuchtet und doch gibt es immer noch blinde Flecken. Der Podcast "Alltag und Verbrechen.Neukölln im Nationalsozialismus" der Historiker Alexander Valeris und Konstantin Horscht beschäftigt sich mit der Zeit von 1933-1945 aus der Perspektive des Arbeiterbezirks Neukölln und gibt dem Grauen eine weitere Facette.


Auch fast 80 Jahre nach dem Ende des Naziregimes in Deutschland prägt der Blick auf diese düstere Zeit einen Großteil der neueren Geschichtswissenschaft. Bei allen abstrakten Zahlen, Fakten und Belegen ist der Blick in da Alltagleben unter den Nazis immer noch am eindrücklichsten. In "Alltag und Verbrechen" gehen Valerias und Horscht genau diesen Weg und tragen tragische, erschütternde, aber auch kuriose Geschichten aus dieser Zeit in Neukölln zusammen.


Es geht um die Frage, wie das rote, kommunistische Neukölln relativ widerstandslos zu einem von Faschisten regierten Bezirk wurde. Die beiden Moderatoren erzählen vom Neukölln der Weimarer Republik, während sich immer mehr Nazis im politisch roten Neukölln hörbar und sichtbar machen. Die Geschichte ist interessant erzählt und erlangt durch konkrete Beispiele von Orten eine gespenstische Aktualität. Es gibt erstaunliche Geschichten aus dem inneren des Bezirksamtes, von Straßenkämpfen, vom Umbau der staatlichen Strukturen und dem immer verzweifelter werdende Kampf gegen die braune Übermacht. Angereichert werden die Berichte durch eingesprochene O-Töne aus Medien, Zeitzeugnissen und Akten, die sich mit den gravierenden Änderungen um 1932/1933 herum beschäftigt. Es geht neben der Machtübernahme, aber auch um versuchten und gescheiterten Widerstand. Um die Parole Neukölln und Arbeiterwiderstand, aber natürlich eine rster Linie, um die große schweigende Mehrheit, die sich erstaunlich schnell den neuen Herrschern fügt. Doch der Podcast mit seinen acht Folgen beschreibt nicht nur das Grauen, sondern auch erstaunlich kuriose Geschichten, wie der Versuch durch kosmetische Verbesserungen der Arbeitsbedingungen( mehr Licht und mehr grün) und sogar der Auszeichnung nationalsozialistischer Musterbetrieb der oppositionellen Arbeiterbewegung den Wind aus den Segeln zu nehen. An den grundlegenden Ausbeutungsmechanismen im NS-Staat änderte sich selbstverständlich nichts. Extrem eindrücklich ist die Entwicklung beschrieben, mit der sich die totalitäre Diktatur von den Anfängen 1933 in die Mordmaschine der Kriegsjahre entwickelte. Es ist und bleibt erschütternd und lehrreich. Geradezu gespenstisch exemplarisch ist die Geschichte der Neuköllner Rabbinerfamilie Kantorowsky, an denen der ganze Wahnsinn von Repression, Unterdrückung, Exil und Mord zeigt. Oder der Nachweis über die Beteiligung Neuköllner Firmen am industriellen Massenmord.


Was also machen mit dem ganzen bedrückenden und erschütternden Detailinformation. Vielleicht dies: Verstehen, dass die Nazis nicht vom Himmel gefallen sind, dass es eine schleichende Entwicklung war, dass Diktaturen nicht so sehr nützt wie eine schweigende Mehrheit, die sich im Wahnsinn einrichtet. Es braucht nur eine Minderheit, eine extrem aktive kritische Masse, um ein ganzes System umzustülpen, aber es braucht auch eine Mehrheit, die dies hinnimmt.


Und so gilt nach diesem Podcast, was immer gilt: Mund aufmachen, gesellschaftliche Fehlentwicklungen benennen und darauf aufmerksam machen und natürlich wie immer: Kein Fußbreit den Faschisten!



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