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  • Julian

Platten, die die Welt bedeuten: Retrogott - Zeit hat uns

Auf "Zeit hat uns" bezieht sich der Retrogott auf Poesie und Musikformen, die dem Rap vorausgingen und jede Menge Jazz von Perfektomat. Heraus kommt Protorap, der Grenzen sprengt und die Kulturtechnik an einen ihrer Ursprünge zurückführt. Aufregend!


Wo hört eigentlich Gil Scott Heron auf und wo fängt Rap an? So richtig auseinander denken kann man beides nicht, ist ein Teil von Scott-Herons eben jene Spoken Word Kulturtechnik. Auch der Retrogott findet in "Zeit hat uns" seine Vorbilder und Bezugspunkte eher in US-amerikanischen Reim- und Poesietraditionen. Dies geht weit über Rap und HipHop hinaus und hat nur noch in Spurenelementen mit Deutschrap zu tun. Deutschrap? Was soll das überhaupt sein? Und wo ordnet sich da der Retrogott ein? Im "Podcast namens Bernd" von MC Rene spricht Retrogott über seine Schwierigkeiten mit diesem Begriff, nationalisiert er doch eine internationale Musikform. Auch sonst äußert er kluge Gedanken z.B. zum Thema Cultural Appropriation. Standing on the shoulders of giants als Prinzip, liegt auch dem Album "Zeit hat uns" inne. Daraus macht die Platte keinen Hehl. Dabei geht es nicht nur um das gesprochene Wort im Bett jazziger Musik von Perfektomat, für die das Wort Beats eigentlich nicht ausreicht. Es klingt nach Jazz im Ziegelsteinkeller, nicht nach HipHop Jam. Wobei, wozu eigentlich den Gegensatz aufmachen, wenn doch eh einiges ineinander fließt.


Retrogott ist ein, man muss es leider so plakativ sagen, ein Kultrapper, der schon oft antizyklisch arbeitete und daraus auch Inspiration zog. In einer Zeit, in der massiv ausproduzierter Straßenrap Konten und Konzerthallen füllte, interpretierte der Retrogott u.a. gemeinsam mit Hulk Hodn Battlerap neu. Über improvisiert wirkenden, jazzigen Beats konterkarierte er den zu dieser Zeit hegemonialen Battlerap, ohne die entsprechenden Erfahrungen und Äußerungsformen dissen zu wollen. Beim Retrogott waren es einfach andere Mittel.


2023 ist alles anders. Heute existieren die unterschiedlichsten Formen der Kultur friedlich nebeneinander, wenn auch unterschiedlich stark verstärkt. Nur folgerichtig erscheint das Sprengen der Form, das der Kölner auf "Zeit hat uns" vollzieht: Retrogott ist jetzt sprechsingender Jazzbandleader, die aber auch diese Formen sprengt. Spektakulär sind nicht nur Form, sondern auch Inhalt: Es ist schier unmöglich alle klugen Gedanken und vor allem Gedankensprünge adäquat zu benennen. Metaphernfeuerwerk steht neben in seine Einzelteile zerlegten gesellschaftlichen Bausteine.


Der Retrogott fängt da an zu texten, wo andere vermeintlich schon alle Antworten gegeben haben und Standpunkte klar gemacht haben. Da wo es uneindeutig wird, da wo es wichtig ist genau zuzuhören, da fängt "Zeit hat uns" an und führt einen mal zum Sinn, mal zur Auflösung des selbigen. Mal Atmosphäre, dann Message. Immer im Fluss, durch den der Retrogott an neue Ufer watet. Sehr aufregend dabei zuzuhören! Selbstredend wird auch hier oder da nebenbei belegt, was die Ursprungskompetenz ist. Was ja nur den Brückenschlag belegt und die Tributzollung unterstreicht, die Retrogott auf dieser so noch nicht gehörten Platte vorlegt. Starkes Teil!


Retrogott, Zeit hat uns, 3.Februar.2023, ENTBS




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