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  • Julian

Platten, die die Welt bedeuten: Die Sterne - Hallo Euphoria

Aktualisiert: 29. Sept. 2022

Die Sterne veröffentlichen ihr 13.Album und alle hören zu. Nach hymnischen Rezensionen und vielversprechenden Auskopplungen habe ich auch reingehört. Und kann alle Lobhudelei bestätigen. Was für eine fantastische Platte!


Song für Song


Gleich der erste Song orgelt sich einen ab und sorgt für den ersten Magic Spilker Moment: In "Stellt mir einen Clown zur Seite" phantasiert sich Spillker einen selbigen neben sich, der Dinge für ihn übernimmt, die er nicht kann. Die Gebrochenheits- und Überforderungslyrik des Anfangs wird in der letzten Strophe zum politischen Manifest: "Wir stoßen Ich endlich vom Thron" Wow.

Das übrige besorgt der epische Songaufbau, der noch mit Streichern untermalt wird und trotzdem schön verkrautet wirkt. Was zum einen am ausfransenden Bass liegt, der sein eigenes Süppchen kocht, zum anderen im in sich verdrehten Groove, wie ein endloser Korkenzieher. Für solch schöne Arrangements brauchen manche ein ganzes Album, Die Sterne halt einfach nur einen Opening Track.


Der zweite Song "Alles was ich will" ist eine angenehm zurückgenommene Parabel auf moderne (verhinderte) Beziehungsanbahnung, kann in der Spilker-üblichen Mehrdeutigkeit aber eben auch anders interpretiert werden. Der kleine Chor, der sich im Laufe des Songs dazu gesellt ist sehr hübsch arrangiert und eingeflechtet, während sich der Groove in einem mäandernden Midtempo verfängt und nur durch einen Fadeout beendet werden kann. Als DJ kann ich da nur scharf protestieren, als Hörer ist es egal.


Und dann kommt auch schon "Spillker mittendrin"

Was soll man dazu noch sagen, außer: Was für ein wunderschöner Song. Messerscharf seziert Spilker im Text die Doppelmoral des aufgeregten Zeitgeistes und der Aufmerksamkeitsökonomie durch Abgrenzung mit dem sicheren Wissen, dass beim Zeigefinger ausfahren, drei Finger auch auf einen selbst zeigen. Dazu beschreibt Spillker in dem Song eigentlich alles, was man zu aktuellen Gesellschaftsdebatten, sei es Klimakrise, toxische Wut, zuspitzende Gerechtigkeitskrisen und ähnliches, wissen muss. Und er tut dies in einer bissigen Zärtlichkeit, die er seit über 30 Jahren kultiviert und die ziemlich einzigartig ist. Musikalisch bewegt sich der Song zwischen Orgelarpeggio und funky Licks, zwischen lieblichen Pianotönen und spacigen Synthies. Dazu ein feingliedriges Schlagzeug. Kurzum: Eine 10 von 10.


Eine der Singles ist " Die Welt wird knusprig" und ist keine Kochanleitung. Der Song beschreibt die suburbane Tristesse des Pendler-Lebens. In der zweiten Strophe fällt der Song mit Hilfe der Gedanken des deprimierten Pendlers, der immer noch auf die Revolution hofft, aber am Ende zu einer dieser Perlen von Songversatzstücken kommt, die das ganze Album durchziehen: "Aus altem Geld und geborgter Macht, wird aus Mensch Fabrik gemacht." Das ist Agit Prop ohne Propaganda im eigentlichen Sinne, vor allem weil sich Die Sterne mal wieder in unnachahmlicher Art und Weise und in bester "In Echt" Manier selbst kommentieren. Sämtliche Rezensionen erübrigen sich da eigentlich. Aber naja, es geht ja immer weiter.


"Gleich hinter Krefeld" ist eine hassliebende Hommage an die mittelgroßen Städte der deutschen Peripherie. Die Orte also, in denen Die Sterne wahrscheinlich in den einzig coolen Läden der Stadt spielen werden. "Krefeld, Bielefeld, Bitterfeld, wir sehen euch" ist wohl der Subtext. Und da wo nix los ist, ist ja meistens doch was los, nur halt nicht in exaltierten Stil-Posen oder subkulturellen Tempeln und Straßenzügen, sondern im privaten. Genau da befinden sich auch die düsteren Fantasien des Songs, der in seinen verzerrten Gitarren und sekündlich intensiver werdenden Arrangements einer der musikalisch dichtesten Songs des Albums ist. Ein Rockmanifest als Kontrapunkt auf dieser musikalisch oft so lieblichen Platte.


Weiter gehts mit "Hallo Euphoria", dem Titeltrack, der mit Ambient-Synthies und Wah Wah Gitarren mal eben die neue Krautwelle in die Tasche steckt, ganz nach dem Motto: Machen wir seit über 30 Jahren. Der Song selbst groovt und groovt nur so vor sich hin. Als Spilker einsteigt, stampft das Songgerüst weiter, während sich langsam aus der verhangen-düsteren Grundstimmung ein sonniges Synthie-Gerüst, samt sanften, funkrockenden Chords schält. Aber hallo Euphoria, du unwahrscheinliches Gefühl. Der Song ist ein sanftes Biest, der jedem Nicht-Techno-Tanzboden standhalten sollte.


"Die Kinder brauchen Platz" funkrockt sich dann samt Chor ganz unmodern und in früher Sterne-Manier durch ein Manifest, ja für was eigentlich!? Vermeintliche Sachzwänge, die sich durch das normative Leben im prä-apokalyptischen Schland ziehen und einmal mehr schlau und treffend seziert werden, ohne den Zeigefinger zu heben.


Einen ganz anderen Vibe verströmt "Niemand kommt hier unschuldig raus" Erst lieblich und zurückgelehnt, dann dank Distortion, Dröhngitarren und relativ deprimierenden Wahrheiten recht dystopisch über den Menschen, der sein eigener Wolf ist. Auch das allumgreifende Schuldgefühl dieser Tage, die sich jeder menschlichen Existenz aufbürdet, weil in unserer Ordnung alles mit allem, verwoben ist. Jetzt könnte man an der schlichten Logik des Songs verzweifeln oder das für Humbug halten oder zumindest für übertriebene Selbstgeißelung. Stattdessen kommt dann halt eine Streichereinlage zum tragen, die jedem Hollywood Film gut gestanden hätte und diesen Song dann dahin verfrachtet, wo er hingehört: Eine große Geste, die trotz aller Wahrheit(!?) bittersüß wirkt.


"Ping Pong" ist vor allem im Refrain ein kleines dadistisches Kleinod. Ansonsten ist der Song eine Ansammlung von schönen Worten und großartigem Unsinn in relativ randomisierter Reihenfolge. Ja gut, kann man so machen. Vor allem, wenn das Ganze am Ende dann durch ein Effektefeuerwerk(Ist das ein Phaser?) dekonstruiert wird und dann sogar Spilker selbst ausfadet. Was will er uns damit sagen? "Bitte auch mich nicht ernst nehmen!"? Na gut, sei es ihm hier gegönnt.


Das letzte Stücke heißt "Wir wissen nichts" und das ist ja eigentlich ein alter Hut. Das wissen vor allem die, die viele Türen aufmachen und sich vieles anhören, lesen, aneignen. Dieses Paradoxon von: je mehr ich über die Welt zu wissen denke, desto klarer wird mir: Ich weiß einen Scheissdreck. Der Song nimmt nochmal alle Stränge des Albums in die Hände und legt noch ein paar Flöten oben drauf, um dann den Zuhörer auf die letzte Reise dieses Albums zu schicken. So groß hat man Die Sterne selten gehört. Und das bezieht sich auf Song und das gesamte Album.


Kein neuer Aufguss, sondern eine komplett neue Teesorte


Erstaunlich am 13.Album von Die Sterne ist, wie frisch Sound, Arrangements und Stimme klingen. Spilkers Stimme hat sich über die Jahre kaum verändert und die Texte und Musik passen sehr gut zusammen, was auf den Alben zuvor nicht immer der Fall war. Das ist sicherlich auch dem Einfluss der neuen Formation in der Band geschuldet. In der Band sind jetzt Musiker wie Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch ( Von Spar und Urlaub in Polen), Dyan Valdés (Mexican Radio und The Blood Arm) sowie Max Knoth. Der frische Wind tut dem Projekt mehr als gut.


"Hallo Euphoria" ist manchmal zum Jauchzen schön, manchmal von einer deprimierenden Klarsicht, dann wieder von einer allen Content und Diskurs vergessenen Fröhlichkeit, dass es einen schier rausreißt aus allem Verdruss. Hier liegt alles auf dem Tisch, alle Themen, all die Schönheit, all das Fürchterliche. Die Sterne drehen daraus ein herrlich luftiges, filigran produziertes Album, das neben aller Zugänglichkeit viel Tiefe und Facetten hat. "Hallo Euphoria" ist schlichtweg das beste Album, in der an guten Platten reichen Bandgeschichte von Die Sterne.


Die Sterne, "Hallo Euphoria", Pias Recordings, 16.September.2022


Auf Tour:


08.10.22 Osnabrück Kleine Freiheit

09.10.22 Köln Gebäude 9

11.10.22 Freiburg Jazzhaus

12.10.22 Nürnberg Z-Bau

13.10.22 München Hansa 39

14.10.22 Wien WUK

15.10.22 Linz Posthof

17.10.22 Dresden Beatpol

18.10.22 Erfurt Zentralheize

19.10.22 Berlin SO36

21.10.22 Hamburg Uebel & Gefährlich

16.11.22 Wiesbaden Schlachthof

17.11.22 Zürich Moods

18.11.22 Konstanz Kulturladen

19.11.22 Schorndorf Manufaktur








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