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  • Julian

Platten des Jahres 2023: Pop & Eingänglichkeit

Sich locker fluffig in die Ohrwascheln schmeicheln ist in der Musik eine große Kunst, auch wenn sie oft kommerziell ausgeschlachtet und stilfrei dargeboten wird. Die hier erwähnten Alben aus unterschiedlichen Genres vertonen im Gegensatz dazu aufs tollste die ganz großen Gefühle. Mal lieblich, mal mit großer Geste. Bühne frei für die besten Platten 2023 in Sachen Pop & Eingänglichkeit.


Der Assistent - Domino


Der Assistent vermählt auf seinem Debüt Coolness und Zerbrechlichkeit und kreiert dabei wunderschöne, softe Popmomente in einem Bett aus analogem Synthie-Dub.


Selbst an den schönsten Orten, abseits des Trubels an irgendeinem Meer in der dritten Urlaubswoche beschleicht einen manchmal eine wohlige Melancholie, eine Weitsicht vielleicht, dass selbst das süßeste Leben nicht schmerzfrei verläuft, vielleicht auch gar nicht soll. Genau dieses musikalische Gefühl schwebt über dem Debütalbum von Der Assistent. Thematisch wird Tom Hessler alias Der Assistent zwar expliziter und deutlicher, aber umhüllt sich auch hier mit dieser wohligen Melancholie, die ein weiterverbreitetes Grundgefühl zu treffen vermag. Der Blick ist introspektiv, die Gefühle eher leise als laut, aber dennoch deutlich kommuniziert.


In acht Songs entstehen vielschichtige, jedoch maximal eingängige Perlen, die von Beziehungen, Gefühlen und digitaler Kommunikation handeln. Selten klang Herzschmerz gesünder und die Binnensicht selbstreflektierter als in W. Eine leise Hymne auf die oft so zu unrecht verpönte Selbstfürsorge. Doch hier bleibt Der Assistent, der auch als Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Hamburger Indie Band Fotos unterwegs ist, eben nicht stehen, sondern stellt die Drehzahl einfach ein bisschen höher und schafft damit Hits, die an der Grenze zur Tanzbarkeit kratzen wie in Domino.


Der Sound verfolgt eine bemerkenswert stringente Richtung, die von Dub, über zurückgenommenen Pop mit Seilfallschritten Richtung Wave und Electronica. Mal in einer ins Sofa drückende Form, dann wieder leicht  schwoofbar wird Der Assistent zum musikalischen Wattebausch. Und zu einem unerwartet heißen Anwärter auf eine der schönsten Platten des noch recht frischen Jahres.


The Golden Dregs - American Airlines


Es gibt Stimmen, bei denen ist egal, was sie dir erzählen. Sofort wird man an einen anderen Ort gezogen. Die Stimme von Benjamin Woods ist so eine. In einem dunklen Timbre gehalten, wirkt sie mal ganz nah, dann seltsam und geheimnisvoll, aber fast immer beruhigend. Woods flüstert und croont sich in wunderschönen Gesangslinien in die Nähe ganz großer Stimmen wie William Shatner, dem späten Leonard Cohen und Tom Waits, bevor er sich in den Achtzigern komplett selbst dekonstruierte. Den hellen Gegensatz bildet die dezent eingesetzte Stimme von Issie Armstrong, die das Fenster aufstößt und ein paar Sonnenstrahlen reinlässt.

Die Musik der Band changiert unterdessen zwischen feingliedrigem Indie Folk und groovendem Pop, fällt zwar, angesichts der großen Stimmen erst in zweiter Linie auf, aber dafür umso stärker. Die Klangfarbe der Songs ist in dunklen, doch bunten Farben gehalten. Sie passen in die Nacht oder in einen Tag, der einfach nicht hell werden will. Wobei nichts an "On Grace&Dignity" kalt oder distanziert wirkt, es ist eher eine warme Decke in gedeckten Farben, quasi eine Einwattung der seltsam-schönen Sorte.


Jordan Ward - Forward


„Forward“ könnte alles sein und deswegen ist sie Pop im besten Sinne. Am Anfang steht eine Gitarrenmelodie und dadurch ein Indievibe, auch wenn Jordan Wards goldene Stimme die Platte früh Richtung RnB, Soul und Pop lenkt. Clever stattet die Produktion „Forward“ mit allen Schikanen aus, die den jeweiligen Genres ein „Modern“ vorstellt. Das Collagenhafte der modernen Popmusik, das Rap-Signalling ohne auch nur einmal richtig zu Rappen, auch wenn der Vibe und das Potential dafür allemal da ist. Und nicht zuletzt die Kürze vieler Tracks, die perfekt in Algorithmen und TikTok Videos passt. Nicht falsch verstehen: an „Forward“ wirkt nichts effekthaschend oder ausgedacht, zu groß Jordan Wards Skills, aber es funktioniert eben Generationen und Aufmerksamkeitsspannungs- übergreifend und das macht Forward zu einer tollen, weil relevanten Popplatte.


Jungle - Volcano


Jungle aus UK ist eigentlich eine echte Hitschleuder aus Disco, Soul und House, die einige epische Banger veröffentlichten. Damit haben sie sich  in vielerlei Hinsicht in höchste Höhen katapultiert. Umso erstaunlicher ist, was auf „Volcano“ passiert. Zwar haben Jungle immer noch ein feines, manchmal fast unheimlich genaues Gespür für poppige Melodien und große Spannungsbögen, aber irgendwas ist an „Volcano“ ein wenig anders. Und beim genauen Hinhören kann man auch entdecken, was genau hier anders ist. Zum einen die Produktionsweise, die mit Retro noch zu ungenau beschrieben ist. Die Stimmen klingen überwiegend angesägt und nah an der Schmerzgrenze zum übersteuerten und manchmal auch darüber hinaus. An mancher Stelle klingt Volvano wie ein unfertiges Demo und nur die Tatsache, dass sich dieser Eindruck durchzieht, deutet daraufhin, dass das Ganze genau so gewollt ist.

Ein Kunstgriff aus der Trickkiste des Lo Fi, um der Glätte der Junge Songs Ecken abzutrotzen, was sich auch in Kniffs wie ausufernden Effekten, Raps, stoischen Beats zeigt, die mal nach frühem House, dann nach 70er Jahre Bollywoodsoundtrack klingen. Zwischendurch ewig hallende Stimmen, die berühmten Jungle Handclaps und superschöne Chöre. Und so bleibt Jungle same same aber eben genug different, dass man hier von einer schönen, weil herausfordernden Weiterentwicklung sprechen kann.


Lola Young - My mind wanders and sometimes leaves completely


Lola Young watet knietief im Melodrama und unter ganz großen Gefühlen macht sie es weder in Texten noch in ihrem Gesang. Um das Ganze Chaos etwas genauer zu beschreiben: hinter der Trauer steckt die Wut und andersrum. Dieses Prinzip aus dem Psychodrama schreit, säuselt, singt Lola Young in schönsten Farben und im Gefühls Agitprop in die Welt hinaus. Subtil ist hier gar nix stattdessen explizit, sehr genau und auch immer wieder anklagend, sehr groß und markerschütternd. Denn Lola Young hat eine Stimme, die es pro Generation nicht so oft gibt, deswegen wird sie oft mit Amy Winehouse verglichen was angesichts Youngs Songs nicht übertrieben ist. Gleichzeitig schlummert in diesem Vergleich ein Abgrund den man Frau Young in keinem Fall wünscht, der aber zumindest sehr plakativ integriert wurde in Lola Youngs Texten, die alle Dämonen, alle Fallen, alle Dramen bereits inkludiert haben. Und diese zu erkennen und der Erkenntnis eventuell auch nachzugeben und sie damit beherrschbarer zu machen, das ist das was man der Londonerin wünschen kann. Auf dass sie noch mehr Platten mit solch monströser Qualität machen wird.


Gabriels - Angels&Queens


Bittersüße Wellness entfaltet sich auch auf dem zweiten Teil von Angels&Queens, der in diesem Jahr die Platte komplettiert hat und der ist nicht minder groß geraten.

Wunderschöne Melodien, eine mal zurückgenommene, dann wieder ausführliche Instrumentierung und dann immer wieder diese Stimme, die, so die naive, ewige Hoffnung, Seelenunbill heilen kann. Die Aufnahmen von Jacob Lusk´s Stimme sind auf Angels&Queens noch atemberaubender und intimer als auf den eh schon fantastischen ersten EPs. Sie wirken, und man muss das so deutlich schreiben, wie eine warme Decke oder eine zweistündige Meditation oder eine Nacht am Kamin. Schlichtweg herrlich und gleichzeitig beruhigend wie beschwingend. Und manchmal sogar mit einer Coolness ausgestattet, die dem Grundgefühl von Gabriels eigentlich komplett widerspricht, aber angesichts der schieren Qualität einfach aufgeht.

Versucht nicht mal diese Band zu (s)toppen!

Dass mittlerweile schon ein paar Leuten mehr gemerkt haben, welch außergewöhnliche Band Gabriels sind, hat sich offensichtlich auch auf die Stimmung ausgewirkt. Vor "Angels&Queens" waren Gabriels Kompositionen teils eher düster, auf Angels&Queens werden die Fenster aufgerissen und ein sanftes Licht durchflutet den Korridor, auf dem Gabriels schnurstracks Richtung Musikolymp wandeln. Mal mit einem Trippelschritt in Richtung Funk oder Pop, nur um dann wieder mit beiden Beinen im orchestral ausgelegten Soul mit Gospelanleihen zu wandeln. Nur bei The Blind schimmert nochmal kurz die Dunkelheit mit bedrohlichen Dronesounds zurück. Ganz nach dem Motto: "There is a crack in everything, that´s how the lights get in."

Quo Vadis, Goldkehlchen!?

Und so bleibt eigentlich nur eine Frage: Wann übernehmen die Gabriels den ersten James Bond-Soundtrack-Titelsong? Wann ist Jacob Lusk Ehrengast in der Super Bowl-Halbzeitshow? Oder: Entzieht er sich am Ende diesen Potentialen durch die herrlich komplexen Gabriels-Kompositionen?


Flavien Berger - Dans cent ans


Flavien Berger ist der Wes Anderson der französischen Pop: Surreal, melancholisch, bunt und wohltuend schräg. Auf "Dans cent ans" setzt er seinen besonderen Weg fort.

Auf einem Album voller besonderer Momente, bleibt einer ganz besonders hängen. "Berzingue" kippt mit seinem Lo Fi Beat und den trippigen Lautmalereien ins absurde, surreale und vor allem psychedelische. Das Video zu dem Song ist ein farbenfroher Trip durch Alltagsituationen, Straßenzüge und Kulturen, von Tentakeln durchzogen, die mal zu Computerkabeln morphen, dann in Krankenhäusern auftauchen, nur um sich im nächsten Moment zu Parytschlangen zu transformieren. Nur da wo sie hingehören, in den Ozeanen, tauchen sie nur ganz kurz auf.

Symbolisch stehen Oktopusse und ihre Tentakeln für Geschicklichkeit, Selbstlosigkeit, Intelligenz und Vielseitigkeit. Vor allem letzteres zieht sich auch durch das Wirken von Flavien Berger. Der Produzent, Komponist und Musiker aus Paris surft bisher gemeinsam mit Acts wie Voyou, Palatine oder Papooz im Windschatten größerer französischer Künstler, die sich der Lo Fi-elektronischen Extravaganza verschrieben haben. Die Smoothness bei Berger fußt in Chansons, der beiläufigen Coolness eines Sebastien Telliers und in der Grundmelancholie, die Großteile des französischen Pops innewohnt. Noch stärker wie auf früheren Platten verlässt sich Berger dabei auf das hervorragende eigene Grundgerüst und baut darum abgefahrene, in fast theatralische Übertreibungen gesteigerte Popperlen. Tracks wie 666666 stehen dafür exemplarisch. Bevor der Song kurzzeitig zum unterschwellig treibenden Electronicabanger wird, durchlebt der Song mehrere Experimentierphasen, nur um am Ende vollends in warm wabernden Klanglandschaften auszutröpfeln. Ein Song als Collage. Keine neue Idee, aber so hat man das Ganze selten umgesetzt gehört.

Dieser Eklektizismus, der aber dank stringenten Grundstimmungen nie ins Beliebige kippt, ist an vielen Stellen zu finden und bedient dabei eine Vielzahl von Gefühlen. Man kann dieses Album wohlgestimmt und aufgekratzt hören, introvertiert und melancholisch oder einfach mit einem großen Interesse an Songwriting-Details, Produktionskniffen und Spannungsbögen. Womit wir wieder am Anderson-schen Ausgangspunkt wären: Dans cent ans hat das Zeug gleichzeitig Everybody´s Darling und Avantgarde zu sein.

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