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  • Julian

Gangstarap und Wissenschaft: Interview mit Dr. Martin Seeliger

Aktualisiert: 7. Nov. 2022


Was haben Räuberpistolen im Rap und empirisch-qualitative Forschungsansätze gemeinsam? Sie werden in "Deutscher Gangsta Rap III Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentation" zusammengebracht.

Umso unterschiedlicher die untersuchten Welten sind, desto spannender ist es sich bei diesem Thema aus wissenschaftlicher Perspektive zu nähern. In mittlerweile Ausgabe Nummer 3 beschäftigen sich Martin Seeliger und Dr. Marc Dietrich und die Gastautorinnen und Autoren in "Deutscher Gangsta-Rap III Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentationen" einem der bestimmenden Subgenres im deutschsprachigen Rap. Die Bandbreite der verhandelnden Themen zeigt wie relevant und vielfältig die Perspektiven auf das Thema sein können. Von medialer Rezeption über Einwanderungsgeschichte bis Straßenlifestyle werden in den Texten Schlaglichter auf Einflüsse, Ursprünge und Bedeutungen des Gangstaraps geworfen.


Martin Seeliger hat sich die Zeit genommen meine Fragen zu dem Thema zu beantworten. Dafür erstmal herzlichsten Dank! Seeliger beschäftigt sich an verschiedenen Hochschulen und in Veröffentlichungen mit politischer Soziologie, den Arbeitsbeziehungen und Cultural Studies. Aber eben nicht nur das. Er zitiert u.a. Punksongs in Symposien, er wagt sich in Podcasts Berliner Straßenrappers mit fragwürdigen Thesen und macht Musik bei den Shitlers. Die erste Ausgabe der Reihe "Deutscher Gangstarap" hat zudem großen Einfluss auf meine Masterarbeit "Neue Vielfalt im deutschsprachigen Rap.

Diskurse, Themen und Posen" gehabt. Entsprechend freue ich mich riesig, dass Martin im folgenden Interview ein paar spannende Perspektiven aufzeigt.


Interview mit Dr.Martin Seeliger


Welche Perspektiven und Grundideen sind es die das Thema im Buch spannend machen!?


Das Buch entwickelt eine Perspektive auf Gangstarap, die die politische Dimension des Themas beleuchtet. Das funktioniert im Buch unter Bezug auf zwei Linien sozialwissenschaftlicher Theoriebildung – die Kritische Theorie der Frankfurter Schule und die Britischen Cultural Studies. Aus Sicht der Frankfurter Schule – hier exemplifiziert durch die Kulturindustriethese - erscheint die Popkultur als Ort der Ideologieproduktion. Dadurch, dass Leute so viel Quatsch im Fernsehen und bei youtube sehen, erklären sie sich einverstanden mit einer Welt, die von Grund auf ungerecht ist. Die Cultural Studies hingegen arbeiten heraus, dass die Popkultur auch ein Ort sein kann, an dem sich Widerstand gegen eine entsprechend ungerechte Welt formieren kann. Nicht alles, was im Fernsehen läuft muss die Leute verdummen. Gangstarap zeigt, dass beide Seiten teilweise Recht und teilweise Unrecht haben.

Welche deutschsprachigen Rapper findest du aus soziologischer Sicht am interessantesten? Und warum?


Ach, das ist für mich schwer zu beantworten. Irgendwie kann man bei den meisten Rappern irgendwas Interessantes finden, wenn man lange genug hinschaut. Künstlerisch finde ich Haftbefehl gut, weil er so rumschreit und Wut und Humor aus meiner Sicht gut zusammen bringt.


Eines deiner Fachgebiete ist die Arbeitsoziologie. Welche Arbeitsentwürfe siehst du im deutschsprachigen Straßenrap repräsentiert!?


Haha, das ist ja eine interessante Frage! Ich musste erstmal darüber nachdenken, was die eigentlich bedeutet (aber nicht, weil sie abwegig ist – ich habe mich das nur noch nie gefragt).

Also, ganz allgemein formuliert ist Arbeit ja eine sinnstiftende Tätigkeit zur Daseinsvorsorge. Jetzt kann man m.E. drei Sichtweisen auf Gangstarap unterscheiden. Einmal kann man das Genre als Kulturprodukt sehen. Gangstarapper sind dann Schauspieler und ihre Arbeit besteht im Inszenieren von Gangstarap-Geschichten. Das Gegenteil wäre ein radikales Ernstnehmen der Forderung, Gangstarap sei absolut authentisch. Dann wären Gangstarapper oft Kriminelle und würden in Schwarzmärkten arbeiten. Die Wirklichkeit liegt irgendwo zwischen diesen Polen. Damit das alles authentisch wirkt, muss ab und zu auch was Authentisches passieren, wie z.B. dass einer verhaftet wird oder Manuellsen Animus verprügelt. Neben der Kulturindustrie werden dann noch andere Branchen mobilisiert – die Polizisten z.B., die dann gegen Manuellsen ermitteln oder die Richterin, die ihn verurteilt. Das ist auch alles wichtig für Gangstarap als Genre, an dem Kunstprodukt wirken also mittelbar auch Instanzen mit, die gar nicht vordergründig damit zu tun haben. Für die Konzeption von Kunst ist das neu, weil sie weiter zu fassen ist. Andere gesellschaftlichen Instanzen und Segmente werden in diesen Gangstarap-Strudel reingezogen. Auch das finde ich sehr interessant!!

Du hast mal vom neoliberalen Paradoxon im HipHop geschrieben, was meinst du damit?


Ehrlich gesagt, erinnere ich mich an die Formulierung gerade gar nicht. Vielleicht, dass Gangstarap gleichzeitig ungleichheitskritisch und dann aber auch Sprachrohr neoliberaler Tugenden wie Eigenverantwortlichkeit ist? Die Lösung politischer Probleme ist aus dieser Perspektive nicht die Änderung der Spielregeln, sondern deren besonders erfolgreiches Befolgen. Anstatt zu sagen, „Vergesellschaftet die Automobilindustrie, denn sie stellt umweltschädliche Produkte her, von denen viele gar nicht unmittelbar einen Nutzen haben!“ wollen Gangstarapper lieber selber Porsche fahren. Das ist schon paradox, oder?


Du bist auch in Punkkontexten unterwegs. Was haben Punk und HipHop gemeinsam!? Was trennt beide Kulturen?


Keine Ahnung, ich weiß das gar nicht genau. Vielleicht das Provozieren und Anecken, ohne dabei grundsätzliche Regeln der gesellschaftlichen Ordnung zu hinterfragen?


Jetzt bist du für ein paar Monate in Kalifornien. Was machst du da? Welche Impulse erwartest du für deine Arbeit!?


Ach, ich bin hier vor allem, weil zwei Kollegen und ich hier ein Lehrbuch zum Themenfeld ‚Gewerkschaftspolitik‘ schreiben. Insofern erwarte ich eher weniger Impulse, sondern eher mal die Ruhe, das endlich fertig zu kriegen.

Was steht als nächstes an?


Ich arbeite gerade an einem Projekt über internationale Solidarität bei Volkswagen. Im Moment werte ich da Interviews aus, die ich in den letzten Monaten mit Leuten geführt habe. Ich hoffe, ich schaffe es, das Anfang nächsten Jahres aufzuschreiben, dann kommt da noch ein Buch zu. Danach möchte ich was zum Thema Klimawandel machen – zumindest, wenn dann noch nicht alles gesagt ist, denn das wollen ja gerade viele :D


Deutschsprachiger Gangstarap III - Soziale Konflikte und kulturelle Repräsentationen, Herausgeber: Marc Dietrich & Martin Seeliger, transcript Verlag, 378 Seiten



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